Nicht jede rassetypische Krankheit ist automatisch eine Qualzucht:
- Prädisposition (Erhöhtes Risiko): Ein Hund hat aufgrund seiner Größe oder Rasse eine höhere Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten. Sehr große Hunde (wie etwa Doggen) neigen beispielsweise zu Gelenkfehlentwicklungen wie Hüft- oder Ellbogendysplasie (HD/ED). Das Leiden ist hier jedoch nicht vorprogrammiert, und nicht jedes Tier erkrankt zwangsläufig.
- Qualzucht (Unvermeidbares Leiden): Hier führen extreme Zuchtmerkmale
unvermeidlich und vorhersehbar zu Schmerzen, Leiden oder Schäden beim Tier. Die Krankheit und die Funktionseinschränkung der Organe sind durch die angezüchtete Optik bereits fest einkalkuliert.
Brachyzephalie:
Die Kurzköpfigkeit bei Rassen wie der Französischen Bulldogge oder dem Mops ist eines der präsentesten Beispiele für Qualzucht.
Weil der Gesichtsschädel extrem verkürzt wurde, das Weichteilgewebe im Inneren aber gleich geblieben ist, fehlt es massiv an Platz. Die funktionellen Folgen – zusammengefasst als Brachyzephales Atemnot-Syndrom (BOAS) – sind drastisch:
- Verengte, oft nur schlitzförmige Nasenlöcher und ein viel zu langes Gaumensegel blockieren die Atemwege.
- Stellt euch vor, ihr müsstet euren gesamten Alltag dauerhaft durch einen dünnen
Strohhalm atmen. - Viele dieser Hunde müssen im Schlaf den Kopf hochlegen, um ihre Atemwege
künstlich offen zu halten.
Hinzu kommt ein klinischer Teufelskreis: Durch die chronische Atembeengung fehlt den Hunden die Ausdauer für Bewegung. Der Bewegungsmangel führt zu Muskelabbau und Übergewicht. Dieses zusätzliche Fettgewebe drückt physisch auf die Atemwege, wodurch der Atemwiderstand noch weiter steigt und die Bewegung noch weiter eingeschränkt wird.
Warum ändert das Gesetz nichts?
Theoretisch verbietet § 11b des deutschen Tierschutzgesetzes die Zucht von Tieren, wenn züchterische Erkenntnisse nahelegen, dass dadurch untaugliche Körperteile oder Leiden entstehen.
In der Praxis ist dieses Gesetz jedoch extrem schwer anzuwenden. Es fehlen oft klare
Messkriterien, und die Behörden müssen meist in aufwendigen Einzelfällen beweisen, ob ein Merkmal „zuchtbedingt“ zur Qual wird. Durch diese juristischen Lücken und den damit verbundenen Zeit- und Personalmangel existieren solche Zuchtpraktiken weiter.
Unsere Verantwortung: Was können wir tun?
Medizinische Operationen (wie das Kürzen des Gaumensegels) können betroffenen Hunden zwar Erleichterung verschaffen, sie beheben aber immer nur Symptome und lösen nicht das grundlegende Zuchtproblem.
Die echte Lösung beginnt bei uns, den Käufer:innen und Halter:innen. Die Nachfrage
bestimmt das Angebot auf dem Markt.
- Gesundheit über Optik: Ein Hund sollte in erster Linie frei atmen und schmerzfrei
leben können, unabhängig davon, ob er einem bestimmten optischen Trend entspricht. - Transparenz fordern: Lasst euch beim Züchter offizielle Gesundheitsbescheinigungen zeigen (Atemstatus, Augenbefunde, Hüfte) und werft einen genauen Blick auf die Elterntiere.
- Seriöse Züchter wählen: Ein guter Züchter legt Gesundheitsuntersuchungen offen, züchtet nicht auf Extremmerkmale und klärt proaktiv auf. Wissen verändert die Nachfrage.
Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass der Wunsch nach einem gesunden, glücklichen Hund wieder im Mittelpunkt steht!


