Es beginnt meistens harmlos: Kratzen hinter dem Ohr oder Knabbern an der Pfote. Doch wenn das Kratzen, Lecken und Scharren zum Dauerthema wird, liegen bei uns Hundebesitzer:innen oft die Nerven blank und beim Hund erst recht. Juckreiz (in der Fachsprache Pruritus) ist eines der häufigsten Symptome in der Praxis, aber oft auch eines der komplexesten.
Es ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom der Haut. In diesem Artikel gehen wir den Ursachen auf den Grund und schauen uns an, wie wir deinem Hund gemeinsam Erleichterung verschaffen können.
Wenn das Immunsystem überreagiert: Allergien
Allergien sind wohl die „Klassiker“, wenn der Hund sich ständig kratzt. Man unterscheidet hier vor allem drei Formen:
1. Futtermittelallergie
Hier reagiert das Immunsystem meist auf bestimmte Proteinquellen (wie Rind oder Huhn).
- Symptome: Juckreiz an den Pfoten, den Ohren und im Gesicht, oft begleitet von Verdauungsproblemen.
- Was hilft? Eine strikte Eliminationsdiät über mindestens 8 – 12 Wochen ist hier der Goldstandard, und das bezieht sich auch auf Leckerlies!
2. Umweltallergie (Atopie)
Dein Hund reagiert auf Pollen, Hausstaubmilben oder Schimmelpilze. Das ist vergleichbar mit Heuschnupfen beim Menschen, nur dass es sich beim Hund primär über die Haut äußert.
- Symptome: Saisonaler Juckreiz (bei Pollen) oder ganzjährig (Hausstaub). Typisch ist das Belecken der Pfoten.
3. Kontaktallergie Eher selten, tritt aber auf, wenn die Haut direkt mit einem Reizstoff in Berührung kommt (z.B. ein neues Liegekissen, Reinigungsmittel oder bestimmte Gräser).
- Symptome: Juckreiz genau dort, wo der Kontakt stattfand (meist am Bauch).
Kleine Plagegeister mit großer Wirkung: Parasiten
Bevor wir an komplizierte Diagnosen denken, müssen wir die „Untermieter“ ausschließen. Parasiten sind die häufigste Ursache für plötzlichen, starken Juckreiz. •
Flöhe: Ein einziger Flohbiss kann bei Hunden mit einer Flohspeichelallergie (FAD) extrem starke Reaktionen auslösen. Das Kratzen konzentriert sich hier oft auf den hinteren Rücken und den Rutenansatz.
- Milben: Sarcoptes-Milben (Räude) verursachen Juckreiz, während Ohrmilben vor allem die Ohren betreffen. Demodex-Milben hingegen führen eher zu Haarausfall als zu Juckreiz, können aber von diesem begleitet sein.
- Zecken: Sie verursachen meist nur lokalen Juckreiz an der Einstichstelle, sind aber als Krankheitsüberträger ein weiteres wichtiges Thema.
Mein Tipp: Eine lückenlose Parasiten-Prophylaxe ist das A und O, um diese Ursache direkt von der Liste streichen zu können.
Hautpilz und bakterielle Infektionen
Oft ist die Haut durch das ständige Kratzen dann bereits geschädigt. In diese kleinen Risse nisten sich dann gerne Bakterien (meist Staphylokokken) oder Hefepilze (Malassezia) ein.
Man spricht dann von einer Sekundärinfektion. Das Problem ist, die Infektion selbst verursacht weiteren Juckreiz und es entsteht ein Teufelskreis. Wenn die Haut deines Hundes unangenehm riecht (leicht ranzig oder nach „Käsefüßen“), stark gerötet ist oder einen schmierigen Film aufweist, ist meist ein Pilz oder Bakterien mit im Spiel.
Trockene Haut durch Ernährungsmängel
Die Haut ist das größte Organ des Hundes und hat einen enormen Nährstoffbedarf. Wenn die Hautbarriere nicht intakt ist, verliert sie Feuchtigkeit, wird spröde und fängt an zu jucken, ganz ähnlich wie bei uns Menschen im Winter. Wir merken das meistens zuerst an unseren Lippen. Das falsche Verhältnis von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, ein Mangel an Zink oder Biotin kann dazu führen, dass die Haut ihre Schutzfunktion verliert. Und genau hier können wir über die Fütterung Einfluss nehmen.
Unser Tipp für deinen Hund:
Mit Leinsamen, Bierhefe und Algen liefert dieses Topping genau die Nährstoffe, die die Hautbarriere braucht – Omega-Fettsäuren, Zink und Biotin für eine intakte Haut und ein glänzendes Fell. Viele Hundebesitzer berichten von sichtbar glänzendem Fell nach wenigen Wochen.
Stress als unterschätzter Auslöser
Hunde sind sensibel. Wenn sie gestresst sind, schüttet der Körper Cortisol aus. Chronischer Stress kann sich beim Hund in sogenannten „Übersprungshandlungen“ äußern. Das bedeutet: Der Hund leckt oder knabbert an sich selbst, um durch die Endorphinausschüttung beim Lecken Stress abzubauen.
Das wird oft mit einer Allergie verwechselt. Achte mal darauf: Kratzt sich dein Hund vermehrt in stressigen Situationen (Besuch, Umzug, laute Umgebung) oder auch im absoluten Ruhezustand? Diese genauen Beobachtungen und Informationen können für deinen Tierarzt oder deine Tierärztin extrem hilfreich sein!
Erste Hilfe gegen Juckreiz
Wenn dein Hund sich kratzt, möchtest du ihm natürlich helfen. Hier sind meine Top Empfehlungen für die Hausapotheke:
- Lecken/Kratzen unterbinden: auch wenn es verständlich ist, führt genau dieses Verhalten deines Hundes leider dazu, dass das Problem immer größer wird.
- Pfotenbad: Nach dem Spaziergang die Pfoten mit klarem, lauwarmem Wasser abspülen, um Pollen und Allergene zu entfernen.
- Kühlen: Ein kühles, feuchtes Tuch kann akuten Juckreiz kurzzeitig lindern.
- Hautpflege: Rückfettende, medizinische Shampoos (speziell für Hunde!) helfen, die Haut zu beruhigen. Bitte nutze keine Menschen-Produkte, da der pH-Wert der Hundehaut ganz anders ist.
- Hochwertige Ergänzung: Wie oben erwähnt, ist die Unterstützung von innen essenziell. Ein gesundes Fell glänzt nicht nur schön, es ist der Schutzschild gegen die Außenwelt.
Wann solltest du zum Tierarzt?
Du solltest nicht warten, wenn:
- Die Haut offen, blutig oder vereitert ist.
- Dein Hund kaum noch schläft, weil er nur noch mit Kratzen beschäftigt ist.
- Sich kahle Stellen bilden (Alopezie).
- Dein Hund Fieber bekommt oder matt wirkt.
In der Praxis können wir mittels Hautgeschabseln, Klebestreifen-Tests und weiteren Untersuchungen die genaue Ursache finden und gezielte Medikamente einsetzen, die den Juckreiz schnell stoppen, während wir parallel die Ursache behandeln.
Ein kratzender Hund braucht Detektivarbeit. Es ist selten mit einer einzigen Tablette oder Spritze getan, aber mit der richtigen Kombination aus Parasitenschutz, Ursachenforschung und einer nährstoffreichen Unterstützung für die Hautbarriere bekommen wir das Problem fast immer in den Griff.


